BUTTERMILCH, 2015, Yarn Crochet & Wood, approx. 120 x 47 x 29 cm


PINOCCHIO / 5 SEC & YOU'RE MINE, 2015, Plastic & Yarn Crochet, 110 x 35 x 41 cm


BEAUTY BONDAGE, 2015, mixed media, approx. 70 x 45 x 50 cm


STAATSQUALLE, 2012, Yarn Crochet, 92 x 31 x 25 cm


TEEHYBRIDE, 2002, Yarn Crochet, 180 x 30 x 12 cm


SCHLAPPBODYCHAIR, 1997, Elastics & Wood, 105 x 37 x 47 cm


OCTOPUSSY / Maud Adams, 1998, Yarn Crochet, 74 x 35 x 47 cm


HAPPY VALENTINE, 2009, Vinyl & Yarn Crochet, 32 x 32 x 8 cm


NADJA, 1996, Cardboard Spooles, 73 x 77 x 27 cm

 

    

The Virtuality of the Actual

Mit den neuen Arbeiten "Pinocchio/5 sec. & you´re mine" oder "Buttermilch" knüpft Maitz an ihre älteren Werke an. "Schlappbodychair" ist ein Ammensessel aus Unterhosengummiware, ein 1996 erstelltes Objekt aus der Zeit, in der Maitz in New York lebte und ein wenig mit Louise Bourgeois zu tun hatte. Zusammen mit Rita MCBride, Anne Pöhlmann, Melissa Gordon und Marlene Dumas entstand 2013 eine Kooperation, in der alle Werke der KünstlerInnen in einem Wandbehang zu sehen waren. Maitz präsentierte einen riesigen Faltenrock mit dem Titel "What is behind that curtain", eine Anspielung auf Laurie Andersons BIG SCIENCE Album aus dem Jahre 1982.

Getting to know what Gilles Deleuze says by THE VIRTUALITY OF THE ACTUAL

´Her´ essays, drawings, paintings and crochets are neither merely inspired by science nor simply illustrations of science: they are themselves the science.
Maitz´s science called art produces knowledge in three ways: 1. by way of deconstruction; 2. through imagination; 3. through affect, or what she herself somewhere calls ´beauty´. On the outset, the first practice, deconstruction, involves two things: first, it has to do with understanding the variety of scientific approaches to evolution, the grand theoretical conundrum at stake in her last book; and second, it appertains to understanding the particular discourses, the particular language-games each of these approaches partakes in. If Maitz´s crochet pieces and drawings deal with revealing the rules of the various scientific/sociological language-games, they are equally concerned with tracing the hidden tropes and patterns that run through these games. The pattern crossing all scientific approaches to evolution, argues Maitz, is RNA: ribonucleic acids, primordial self-replicating molecules whose sole purpose and ontology is change, differentiation, diversification. What all these sciences have in common, thus, what, as far as academia is currently concerned is the guiding thread of evolution, is precisely that which lacks by its very nature commonality, which is not a thread but an infinite threading: change.
The handcrafting process enables the change of thinking and new crochet pieces come into being.
Maitz´s way of dealing with this change, rootless yet coming from everywhere, going everywhere yet without single direction, is imagination. In an attempt to render these processes of change she draws, paints or crochets eco-systems in which change – as network, as rhizome – becomes visible: climatological patterns, coral reefs, sea creatures of all shapes, sizes and colours. Especially the newest crochet pieces evolve from a postfeministic humor.
That implies that she has no problem with the language of androgyne or even male expression, a very selfconfindent handcrafts-language that outstripes its minor connotation of domestic prisoners . By remembering and repeating transgender games these new works come to the point. What is important for Maitz is that evolution is not simply understandable on a rational level, but can also be understood intuitively; not simply in abstract terms but in the terms of the body. In an unexpected but – at least by this author – much appreciated nod to Kant, beauty, for her, enables such an understanding. The play of composition, colour and strokes has the ability to allow for experiences that may not be logical but do resonate affectively, bodily. That is, after all, what art, all the way back to Kant and Schiller through to Deleuze today, is about. By integrating the discourse of science with that of art, Maitz seeks to create an understanding of difficult but elementary processes that incorporates, but is more than, reason. Drawing with a pen on a piece of paper, crocheting with needles and cotton yarn, you are not simply delineating fields and figures.
As Jean-Luc Nancy argued, when you draw, you extract affects from your body, literally ex-scribing yourself, your embodied subjectivity, onto the external object in one continuous movement, thereby both affirming and negating the distinction between inside and outside, object and subject. Reason is always already coupled to the body. This is what Maitz does. She traces, that is to say, she works through change, testing its limits and potentials, its routes and diversions. Indeed, she is creating a language of change about change, of evolution about evolution, in order to fit in these changes into a context of postfeministic manifestations.

Ihre Texte, Zeichnungen, Collagen und Häkelarbeiten sind weder von der Wissenschaft nur inspiriert, noch einfach Illustrationen derselben: Sie sind selbst Wissenschaft. Maitz´ Kunst genannte Wissenschaft produziert Wissen auf dreierlei Art: 1) durch Dekonstruktion, 2) durch Imagination, 3) durch Affekt oder das, was sie weiter unten "Schönheit" nennt.
Die erste Praxis, die Dekonstruktion, bedeutet zunächst zwei Dinge: erstens, die Vielfalt wissenschaftlicher/soziologischer Zugänge zur Evolution – das große, zentrale Rätsel in Ihrem neuen Buch – zu verstehen; zweitens, die spezifischen Diskurse, die besonderen Sprachspiele, an denen jeder dieser Zugänge Anteil hat, zu verstehen. Während Maitz´ Zeichnungen und Häkelarbeiten mit der Entdeckung der Regeln der verschiedenen wissenschaftlichen Sprachspiele zu tun haben, folgen sie auch den Spuren der versteckten Tropen und Muster, die diese Spiele kreuzen. Das Grundmuster, das allen wissenschaftlichen Herangehensweisen an die Evolution zugrunde liegt, postuliert Maitz, ist die RNS, die Ribonukleinsäure, selbstreplizierende Urmoleküle, deren einziger Zweck und einzige Ontologie die Veränderung, Differenzierung und Diversifizierung ist. Was also all diesen Wissenschaften gemeinsam ist, was gegenwärtig der akademischen Welt als der rote Faden der Evolution gilt, ist somit genau etwas, dem es seiner Natur entsprechend an Kommonalität mangelt und das kein Faden, sondern ein Endlosgewinde ist: der Wandel. Das Denken entspringt der Handbewegung beim Häkeln.
Maitz´ Umgang mit diesem Wandel, der von nirgends und überall kommt, vollkommen offen und ungerichtet ist, ist die Fantasie. Im Versuch, diese Prozesse der Veränderung wiederzugeben, zeichnet, malt oder häkelt sie ökosysteme, in denen Wandel – als Netzwerk oder als Rhizom – sichtbar wird: klimatologische Muster, Korallenriffe, Meereskreaturen in jeglicher Form, Größe und Farbe. Besonders die neuen Häkelarbeiten scheinen einem postfeministischen Humor zu entspringen. Das bedeutet vor allem, dass sie kein Problem mit einer androgynen oder gar männlichen Ausdrucksweise hat, eine sehr selbstbewusste Sprache des Handwerks, die schlicht ihre Konnotation mit niedrigem Haus-und Heim Gefangensein überflügelt. Durch Wissen von psycho-analytischen Prozessen, des Erinnerns und Wiederholens von Transgender Spielen, bringt sie es bei den neuen arbeiten auf den Punkt. Wichtig für Maitz ist, dass Evolution nicht nur rational, sondern auch intuitiv verstanden werden kann, nicht nur abstrakt, sondern auch mit dem Körper.
In einer unerwarteten, aber – zumindest vom Autor dieser Zeilen – sehr geschätzten Anspielung auf Kant postuliert sie Schönheit als Katalysator für solch eine Erfahrung. Das Zusammenspiel von Komposition, Farbe und Pinselstrich vermittelt also Erfahrungen, die vielleicht nicht logisch sind, aber affektiv, körperlich widerhallen. Genau das ist es schließlich, worum es bei der Kunst, seit Kant und Schiller bis herauf zu Deleuze, geht. Mit der Einbindung des Wissenschaftsdiskurses in jenen der Kunst versucht Maitz ein Verständnis für schwierige, aber elementare Prozesse zu schaffen, das die Vernunft miteinschließt, jedoch darüber hinausgeht. Beim Zeichnen mit einem Stift auf Papier, beim Häkeln mit Nadeln und Garn beschreibt man nicht einfach Felder und Gestalten. Jean- Luc Nancy folgend: Wenn man zeichnet, extrahiert man Affekte aus seinem Körper, man schreibt sich buchstäblich aus sich heraus, schreibt seine körperliche Subjektivität auf das externe Objekt in einer kontinuierlichen Bewegung und bejaht und verneint dabei den Unterschied zwischen Innen und Außen, Objekt und Subjekt. Vernunft ist immer bereits an den Körper gekoppelt. Auf das kommt es Maitz an. Sie zieht eine Linie, d.h. sie arbeitet sich durch den Wandel, indem sie seine Grenzen und Potenziale, Verläufe und Umwege austestet. Sie schafft tatsächlich eine Sprache des Wandels vom Wandel, der Evolution von der Evolution und dabei passt sie diesen Wandel ein in einen postfeministischen Diskurs und dessen Manifestationen.

Timotheus Vermeulen