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Picking apples 2025 || Euklid Film >> Schon als Kind ist Petra Maitz im Apfelbaum gesessen, irgendwo ganz oben, und hat sich gefragt: "Was machen die da unten? Eier suchen? Äpfel klauben?" Diesen beobachtenden Posten, fern jeglicher Kontrolle und abseits alltäglicher Verrichtungen hat sie sich in ihrem künstlerischen Schaffen zu eigen gemacht. "Mich hat interessiert, wie ich schöpferische Welten bauen kann, ohne dass mir einer sagt, wie ich das machen soll. Meine besten Arbeiten entstehen, wenn ich mich vom alltäglichen Geschehen abwende und in meiner eigenen Gegenwelt zur Schöpferin werde." Geboren und aufgewachsen in einer Grazer Juristenfamilie, durchlief Petra Maitz (62) nach eigener Aussage bald eine "Bad-Girls-Karriere", die ihren Anfang bereits im Seebacher-Gymnasium nahm, wo sie einen Gegenpol zu den sogenannten Elite-Schülerinnen bildete. Ihr von der Liebe zu den Naturwissenschaften geprägter künstlerischer Weg führte sie nach der Matura über Wien, Florenz und Athen schließlich in den 1990er Jahren nach Hamburg, wo sie an der Hochschule für bildende Künste studierte – ein Ort, den sie als "Kaderschmiede" bezeichnet und der sie nachhaltig geprägt hat. Künstlerische Größen wie Marina Abramovic und Jonathan Meese gehörten schon früh zu ihrem Umfeld. Doch zunächst schlug sie einen anderen Weg ein: Sie begann in Wien ein Medizinstudium, nicht jedoch um Ärztin zu werden, sondern aus Faszination für naturwissenschaftliche Regelkreisläufe und Theorie. Schnell stellte sie fest, dass sie keine "helfende Rolle" übernehmen wollte. Stattdessen reizte sie die Freiheit der Kunst und des unabhängigen Denkens, geprägt durch ihre Erfahrungen in der Hamburger Hafenstraße, einem symbolträchtigen Ort des Widerstands und der Selbstbestimmung. In ihrer Kunst verarbeitet Maitz vor allem weiche, textile Materialien. "Malerei war nie mein Medium", sagt sie. "Die Möglichkeit, mittels weicher Materialien viel zu sagen und dabei ziemlich indirekt zu bleiben und nicht vordergründig aggressiv zu sein, fand ich ganz toll." Ihre bekannteste Arbeit ist das "Lady Musgrave Reef", ein seit über 20 Jahren gewachsenes gehäkeltes Korallenriff. Dieses entstand aus ihrem persönlichen Interesse an der Verbindung von Naturwissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Ein zentrales Element in Petra Maitz' Arbeitspraxis ist das Spiel mit kollektivem Schaffen. Um ihr Korallenriff-Projekt zu verwirklichen, gründete sie in Wien eine Arbeitsgemeinschaft, die "AG Neulinggasse". In diesem Kollektiv beschäftigte sie Menschen, die gemeinsam gehäkelte Korallenobjekte anfertigten. Dabei verzichtete sie bewusst auf eine herkömmliche, bürokratische Struktur. Maitz sieht in dieser anarchisch angelegten Gemeinschaft vor allem einen kreativen Freiraum, in dem Kunst abseits traditioneller Hierarchien entstehen kann. Bezahlt werden ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Preisgeldern. Dies ermögliche ein gemeinschaftliches Kunstschaffen, das soziale Strukturen und künstlerische Freiheit miteinander verbindet. Doch "Lady Musgrave Reef" brachte ihr auch große Enttäuschung ein, als amerikanische Journalistinnen ihre Idee kopierten und in weiterer Folge internationale Aufmerksamkeiterhielten. Besonders enttäuschend empfand die Künstlerin die mangelnde Unterstützung durch österreichische Institutionen und die Schwierigkeiten, sich juristisch zur Wehr zu setzen. Trotz intensiver Bemühungen und der Unterstützung von Urheberrechtsanwälten blieb ihr letztlich die Anerkennung ihrer Pionierarbeit verwehrt. Kritisch sieht sie mitunter auch aktuelle Strömungen in der Kunstwelt, insbesondere irritiert sie die zunehmende Theorielastigkeit und das Fehlen einer authentischen, poetischen und inspirierenden Ausdruckskraft bei jungen Künstlerinnen und Künstlern: "Das Problem ist, wenn ich die Arbeit sehe und merke, sie führt mich nicht in eine poetisch-rituelle Weltschöpfungsmaschine und sie inspiriert mich nicht, sondern es ist eine strenge Exekution einer aufgedrückten Theorie, zipft mich das an. Weil das ist auch nicht Kontextkunst." Internationale Reisen und Projekte spielen eine zentrale Rolle in Maitz’ Werk. Von Syrien, wo sie von orientalischer Textilkunst inspiriert wurde, bis hin zu einem 2026 geplanten Großprojekt in Kuba, wo sie mit finanzieller Unterstützung des Landes Steiermark eine Ausstellung rund um das Korallenriff, kubanische Zuckerrohrplantagen und Umweltthemen vorbereitet – immer wieder verbindet Maitz soziale und ökologische Aspekte mit künstlerischen Ausdrucksformen. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen strenger Wissenschaftlichkeit und spielerischer Kreativität, zwischen individueller Revolte und kollektivem Schaffen. Aktuell arbeitet Maitz auch an einer umfangreichen Serie naturhistorischer Aquarelle, die 2027 im Naturhistorischen Museum Wien präsentiert werden sollen. Petra Maitz bleibt eine Künstlerin, die Grenzen überschreitet – sowohl geografisch als auch konzeptuell. Ihre Kunst lebt von der intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, ihren Erfahrungen und ihrem Drang, Neues zu schaffen und sich dabei nicht verbiegen zu lassen. Gewissermaßen hat sie hoch oben im Apfelbaum ihre Heimat gefunden. Sonja Harter
Picking apples 2025 Even as a child, Petra Maitz used to sit in an apple tree, somewhere high up, and ask herself: "What are they doing down there? Looking for eggs? Picking apples?" She has made this observational position, far from any control and away from everyday activities, her own in her artistic work. "I was interested in how I can build creative worlds without anyone telling me how to do it. My best works are created when I turn away from everyday events and become a creator in my own counter-world." Born and raised in a family of lawyers in Graz, Petra Maitz (62) says she soon embarked on a "bad-girl career", which began at Seebacher High School, where she was the antithesis of the so-called elite students. Her artistic path, shaped by her love of the natural sciences, led her from Vienna, Florence and Athens to Hamburg in the 1990s, where she studied at the Hochschule für bildende Künste - a place she describes as a "cadre forge" and which had a lasting influence on her. Artistic greats such as Marina Abramovic and Jonathan Meese were part of her circle early on. However, she initially took a different path: she began studying medicine in Vienna, not to become a doctor, but out of a fascination for scientific control cycles and theory. She quickly realized that she did not want to take on a "helping role". Instead, she was attracted by the freedom of art and independent thinking, influenced by her experiences in Hamburg's Hafenstraße, a highly symbolic place of resistance and self-determination. Maitz primarily uses soft, textile materials in her art. “Painting was never my medium,” she says. “I thought it was great to be able to say a lot using soft materials while remaining fairly indirect and not being overtly aggressive.” Her best-known work is the “Lady Musgrave Reef”, a crocheted coral reef that has been growing for over 20 years. This arose from her personal interest in the connection between natural science, art and society. A central element of Petra Maitz's working practice is playing with collective creation. In order to realize her coral reef project, she founded a working group in Vienna, the “AG Neulinggasse”. In this collective, she employed people who worked together to make crocheted coral objects. She deliberately dispensed with a conventional, bureaucratic structure. Above all, Maitz sees this anarchic community as a creative space in which art can be created outside of traditional hierarchies. Her employees are paid from prize money. This enables collaborative art creation that combines social structures and artistic freedom. However, “Lady Musgrave Reef” also brought her great disappointment when American journalists copied her idea and subsequently received international attention. The artist found the lack of support from Austrian institutions and the difficulties in defending herself legally particularly disappointing. Despite intensive efforts and the support of copyright lawyers, she was ultimately denied recognition for her pioneering work. She is also critical of current trends in the art world, and is particularly irritated by the increasing emphasis on theory and the lack of authentic, poetic and inspiring expressiveness among young artists: "The problem is that when I see the work and realize that it doesn't lead me into a poetic-ritual world-creation machine and it doesn't inspire me, but is instead a strict execution of an imposed theory, it ticks me off. Because that's not contextual art either." International travel and projects play a central role in Maitz's work. From Syria, where she was inspired by oriental textile art, to a major project planned for 2026 in Cuba, where she is preparing an exhibition on the coral reef, Cuban sugar cane plantations and environmental issues with financial support from the province of Styria - Maitz repeatedly combines social and ecological aspects with artistic forms of expression. Her works move between strict scientificity and playful creativity, between individual revolt and collective creation. Maitz is currently also working on an extensive series of natural history watercolors, which will be presented at the Natural History Museum Vienna in 2027. Petra Maitz remains an artist who transcends borders - both geographically and conceptually. Her art thrives on the intensive examination of her environment, her experiences and her urge to create something new and not allow herself to be bent in the process. In a way, she has found her home high up in the apple tree. Sonja Harter |