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STYRIA MEETS SYRIA, march 2007 Konstruktion und Transkription von Wirklichkeit Als Künstlerin, die sowohl in digitalen wie auch analogen Medien arbeitet und als interdisziplinäre Aktivistin zwischen den Bereichen Kunst und Wissenschaft unter der Prämisse sozialer, politischer, ökologischer, ethnologischer oder ökonomischer Zusammenhänge agiert, suchte Petra Maitz in einem zweiwöchigen Aufenthalt in Syrien den unmittelbaren Zugang zur arabischen Welt. Ausgehend von ihrer Beschäftigung mit den Begriffen Subjekt, Körper und Macht, setzt ihre intensive Auseinandersetzung sowohl mit politisch-sozialen, als auch mit kulturimmanenten und literarischen Traditionen an. Aus postfeministischer Sicht, in der Körper sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form materialisieren, versteht Maitz es, Identitäten im Zusammenhang mit ihren historischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen zu denken. In ihrer Untersuchung der arabischen Literatur geht sie davon aus, dass Worte die Macht besitzen, Dinge aus einer Begriffssubstanz zu schaffen, Diskurse körperliche Gestalt annehmen können und hinterfragt unter anderem Judith Butlers zentralen Gedanken, dass Geschlecht nicht naturgegeben, sondern ein soziales und künstliches, kulturell geformtes und immer wieder bestätigtes Konstrukt sei, wodurch Männer und Frauen politische Kategorien darstellen. Ausgehend von 1001 Nacht, einer von der westlichen Welt als Märchen eines fremden, romantisierten Erdteils angesehenen Geschichtenzusammenstellung, rezipiert sie arabische Literatur als performativen Akt, der das, was er bezeichnet auch vollzieht. Das Buch legt sie im Original auf und verschränkt das ästhetisch Schöne mit einer subtilen Befragung nach ethischen, politisch aktuellen und gesellschaftlich relevanten Werten. So verändert sie minimal Textausschnitte aus Dzevad Karahasans Buch der Gärten, Grenzgänge zwischen Christentum und Islam, in dem der bosnische Schriftsteller 1001 Nacht beschreibt und deutet. Dabei wird klar, dass Scheherazade nur durch Verführungskünste über die genannte Zeitspanne hinweg ihre Hinrichtung hinauszögert. Die Unabgeschlossenheit, Unendlichkeit und Linearität des islamischen Zeitverständnisses wird dabei ebenso angesprochen, wie weibliches meanderndes Erzählen einem männlichen Erzählduktus gegenübergestellt wird. Jeweils eine Seite wird von Petra Maitz mit Goldstickerei versehen gerahmt und als lesbare Geschichte an der Wand präsentiert. So zeigt sich 1001 Nacht einmal in arabischer Originalfassung als Buch mit geprägtem Titel und parallel dazu als Interpretation in einer Bildserie. Ebenfalls gerahmt präsentiert Maitz ihr Einreisevisum, auf dem nach wie vor der Name des Vaters unabdingbar einzutragen ist, ein Weinetikett sowie die handschriftliche Nachricht eines Hotelgastes an die Künstlerin. Als Miniaturteppiche erscheinen die beiden von Petra Maitz in Damaskus an Männer in Auftrag gegebenen handgestickten Worte SCHEHEREZADE und MILLEUNANOTTE.
Construction and Transcription of Reality As an artist operating both in digital and analog media and as interdisciplinary activist between the spheres of art and science on the premise of social, political, ecological, ethnological or economic interrelations, Petra Maitz set out to find direct access to the Arab world in a two-week stay in Syria. Based on her analysis of the concepts of subject, body and power, her in-depth examination focuses on political-social and inherent cultural and literary traditions. From a post-feministic viewpoint, according to which bodies never materialise independently of their cultural form, Maitz succeeds in conceiving identities in the context of their historical, social and cultural circumstances. In her examination of Arab literature, she proceeds on the assumption that words have the power to create things from a conceptual substance, that discourses can assume bodily form, questioning, among other things, Judith Butler´s key notion that gender is not decreed by nature but rather a social and artificial, culturally shaped and repeatedly confirmed contruct such that men and women represent political categories. Elisabeth Fiedler, Graz 2007
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